Donnerstag, 23. Juli 2015

Aus! Zeit!



Ich sitze bei meiner besten Freundin in der Küche. Es ist immer schön, wenn man sich mal wieder sieht, denn seit dem Abitur und auch zum Ende der Studienzeit verstreut es den Freundeskreis in alle Windrichtungen. Solange man noch Student ist, bringt einen zum Glück das Semesterticket zu den vermissten Menschen. Wobei es ein solches Ticket nicht an allen Universitäten gibt, was wirklich sehr schade ist. Jedenfalls haben wir es endlich mal wieder geschafft, gleichzeitig im selben Raum zu sein. Zur Pflege sozialer Kontakte vernachlässigt man automatisch alles andere, in dieser Zeit kann man sich nicht bewerben, nicht das Buch lesen, dessen Ausleihfrist sich dem Ende zuneigt, und nicht die neueste Crime-Serie im Fernsehen schauen, die allerdings wahrscheinlich eh der von gestern gleicht. Man fühlt sich deswegen schon wieder fast ein bisschen schlecht, aber Qualitätszeit muss sein!

Wir haben alles ausgemacht. Sowohl Ort und Zeit als auch Handy und Fernseher. Zugegeben, das Handy ist nur auf stumm geschaltet, damit man einen heimlichen Blick darauf werfen kann, wenn der andere gerade kurz zur Toilette geht. So ist unsere Generation eben. Vor mir steht ein großer Latte Macchiato, den meine Freundin selbst zubereitet hat, und das sind doch die besten Kaffees! Dieses Glas voll Espresso, Milch und Milchschaum symbolisiert die Absicht, länger zu verweilen und mit einem anwesenden Menschen zu sprechen. Es steht für die Auszeit, die wir uns nun vom Leben nehmen und den Austausch von Geschichten, gegenwärtige und vergangene. Man muss sich auf den neuesten Stand bringen, doch nichts hält zusammen wie das erneute Durchleben alter Geschehnisse. 
Aber auch Probleme bekommen ihren Platz im Kaffeeglas, etwas weiter unten, wenn die aktuellen Informationen abgehakt sind. Dann leert sich das Getränk langsamer, ich rühre mit dem langen Löffel darin herum, bis der letzte Milchschaum weg ist. Meine Freundin hört zu und gibt Ratschläge. Was ich an ihr mag ist, dass sie Lösungsversuche sucht, aber mir diese nicht vorschreibt. Sie hilft mir mit Ideen und Mitgefühl, ich muss jedoch nichts von dem tun, was sie vorschlägt. Natürlich kann ich. Aber oft ist ein emotionales Problem nur noch halb so groß, wenn man weiß, dass es Lösungen gibt. Der Kaffee schrumpft dabei auf ein Viertel seiner Selbst und wenn man sich besser fühlt, trinkt man die letzten Schlucke mit Schwung aus.

Natürlich gibt es danach einen zweiten. Auf das Beisammensein und gemeinsam lachen.


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